© Leipziger Volkszeitung, 15. Oktober 2001

Heute 65 und (zu) leise geblieben: Der Poet Adel Karasholi und die Umarmung der Meridiane
Daheim in der Fremde: der Dichter Adel Karasholi. Foto: Stefan Hoyer
Zwischen Gipfeln und Abgründen
Seine Verse sind voll Zärtlichkeit. Wie die Stimme, wenn er "Abdulla" zitiert: einen Weisen, einen Melancholiker, einen, der niemals aufgeben wird. Adel Karasholi ist ein großer Verführer. Wenn er liest, atmet das Publikum im Rhythmus seiner Sprache, lächelt und trauert mit den Helden, braucht am Ende einen Moment Bedenkzeit. Dann kommen der Beifall und auf dem Heimweg das Gefühl, seltsam getröstet zu sein.
Er hat begonnen, seine Autobiografie zu schreiben: "Es drängt mich sehr". Der Text wird wohl wie die anderen sein, in Farben und Gerüchen und Geräuschen schwelgen irgendwo zwischen Gipfeln und Abgründen stattfinden und auch im Haus nebenan. Vor allem aber wird's ein Spiel mit der Dialektik, das der unter anderem Brecht‑geschulte Dr. phil. mit philosophischer Strenge und poetischer Leichtigkeit betreibt. Leider ist der Mann ein zu stiller, zu bescheidener Mensch für die immer lauter kreischende, sich immer schneller drehende Welt. Dichter eben.
Karasholi ist nicht nur aus Passion notorisch einsam, anhaltend fremd, schon qua Herkunft. Heute vor 65 Jahren in Damaskus geboren, geriet er, der 15‑jährig die ersten Gedichte veröffentlichte und mit Hilfe eines Rundfunkauftritts auch den Vater von der künstlerischen Begabung seines ältesten Sohns überzeugte, auf abenteuerliche Weise in die DDR und nach Sachsen. Eigentlich sei es nur die Summe von Zufällen, beharrt er, wie so vieles. Dann folgen wie eine Kette aus kunterbunten Kugeln Episoden von Flucht. Nächten in Asylheimen und Tagen als Transportarbeiter, von Hunger, Verzweiflung, pechschwarzen Gedichten. Aber auch von Glücksumständen, die den jungen Literaten, der als Mitglied des arabischen Schriftstellerverbandes nach dessen Verbot 1959 Syrien verlassen musste, über den Libanon nach Deutschland brachten. Und dank eines Stipendiums nach Leipzig, wo er ein neues Dasein begann.
Er sei geradezu süchtig nach Wissen gewesen, erinnert sich Karasholi. Folglich lernte er in der Hälfte der üblichen Zeit deutsch. Folglich geriet er beinahe zwangsläufig ans Literaturinstitut. Folglich wurde er auch hier zu Lande schnell bekannt. Berühmt eher unter Eingeweihten: Sein PR‑Talent lässt zu wünschen übrig. Dafür rühmen ihn die Kritiker dreier Kontinente, schätzen ihn dort wie hier Fans, Freunde und Kollegen hoch. Heinz Czechowski spricht für viele, wenn er bemerkt: "Wer wie Adel Karasholi in zwei Ländern und damit in zwei Sprachen lebt, trägt eine doppelte Last. Doch er trägt sie mit Würde und nicht ohne Gelassenheit". Und als der sanfte Poet beispielsweise bei der jüngsten PEN‑Tagung in Erfurt ans Pult gebeten wurde, schwang sehr viel Zuneigung durch den Raum und genau so viel Anerkennung.
Irgendwie assoziiert man das Wort, "Herzlichkeit" mit ihm, auch wenn Ehefrau Regina heiter versichert, er könne ganz anders sein. Das passiere selten, ergänzt sie eilends, neuerdings ab und an. Es komme von Stress und Enttäuschung, erklärt die Hochschullehrerin für Arabistik, die seine Kultur schon liebte, ehe sie ihm begegnete. Und seither an seiner Seite ist, so emanzipiert wie selbstlos. Denn Karasholl, der bereits 1984 eine Gedichtsammlung "Daheim in der Fremde" nannte, und der ewigen Distanz mit Musik, Gesprächen und couragiertem Engagement zu begegnen sucht, ist verletzbarer als andere Leute. Vielleicht, weil er, der Weltenwanderer, der Moslem, der sich in der Bibel auskennt wie im Koran überall und nirgendwohin gehört. Keine Ideologie bietet ihm Halt, die geduldige Toleranz, die ihm Haltung geworden ist, strengt an.
Zumal in der aktuellen Lage, in der einer, dem Vernunft oberstes Gebot bleibt, seine Hoffnung mühsam verteidigt. Karasholi, für den der Spagat zwischen Orient und Okzident gewohnte Übung ist, erschrickt angesichts der Nachrichten vom Krieg in Afghanistan. So wie ihn zuvor die Bilder des Terrors in den USA erschütterten. Doch Rache und Vergeltung, beharrt er, sei nie eine Lösung. Und friedliches Miteinander der Völker und Kulturen erst möglich, wenn die jeweils einen aufhörten, in den jeweils anderen nur sich selbst zu suchen.
Die Schärfe seines Denkens stellt dem Märchenidyll entgegen, in dem man sich einrichten möchte: Gelockt von den schönen Schwüngen seiner Sprache, eingeschlossen in die "Umarmung der Meridiane", die er auch beschrieben hat. Wer die Bedeutung eines Autors an den Regalmetern seines Werks misst, könnte Karasholi unterschätzen. Zwar ist er der übrigens als Technikfreak schon lange am Computer sitzt, von immensem Fleiß: Zu eigenen Texten kommen ungezählte Übersetzungen aus dem und ins Arabische; er hat neben den Gedichten immer auch geschtiffene Essays verfasst, Hörspiele, Kurzgeschichten und Beiträge für Zeitungen und Zeitschriften. Trotzdem nehmen sich in Zeiten selbstverliebt‑geschwätziger Wälzer seine Bücher unmodisch schlank aus.
Er ist nicht sonderlich eitel, den Chamisso‑Preis erwähnt er so beiläufig wie die Tatsache, dass er in Kairo gerade die Druckfahnen eines Bandes gelesen hat, der den Dichter Karasholi würdigt. Er hat sich ein Stück in die innere Emigration begeben, schreibend. Sein Optimismus ist mit den Jahren, Irrtümern und Umwegen noch skeptischer geworden, aber er hütet das Flämmchen an Lebensfreude sorgfältig. Und freut sich immer schon mal ein wenig auf die Hölle: Er ist sicher, dort viele kluge Leute, gute Freunde zu treffen. Marylin Monroe sowieso.
Gisela Hoyer |