SÄCHSISCHE ZEITUNG        GESPRÄCH            OSTERN 2005

Sächsische Zeitung
AM SONNTAG
OSTERN 2005

VZ

„Fundamentalismen überwinden“: Adel Karasholi in seinem Garten im Leipziger Nordosten.   Foto: Veit Hengst

Weil das Leben leben soll

Adel Karasholi. Der in Leipzig lebende syrische Poet
pendelt zwischen den Welten,
vermittelt zwischen den Kulturen.

 

 

Wie verbringen Sie das Osterfest?
Zunächst in Leipzig mit Ostereiersuchen und Geschenken, worüber sich die Enkel freuen. Es gibt etwas Schönes zu essen. Danach werden wir – meine Frau, meine Tochter, ihr  Mann und ich – nach Syrien reisen. Das griechisch-orthodoxe Osterfest findet ein paar Tage später als hier statt. Da werde ich Gelegenheit haben,  zweien meiner besten Freunde diesmal nicht am Telefon, sondern persönlich Osterngrüße zu überbringen.

Was wünschen Sie als Muslim Ihren Freunden zu Ostern?
Frieden natürlich.

Unser Bild vom Nahen Osten ist leider vom Gegenteil geprägt - von Hass und Gewalt, die oft leider religiös motiviert sind.
Wenn ich mich an meine Kindheit in Damaskus zurückerinnere, dann kann ich nicht sagen, welcher meiner Freunde damals Christ, Muslim oder Jude, Sunnit oder Schiit war. Das spielte einfach keine Rolle. Und ich erinnere mich, wie ich als junger Schriftsteller ins Christenviertel von Damaskus ging, weil es dort den besten Kebab und so gute Lokale gab.

Können sich  Mahner wie Sie mit ihren Appellen zur Toleranz Gehör verschaffen?
Der Dialog der Kulturen, von dem gerade seit den verheerenden Terroranschlägen von New York oder Madrid verstärkt die Rede ist, kommt in Gang. Allerdings darf er nicht theologisch geführt werden. Denn wer an wen glaubt, das ist doch nicht die Hauptsache.

Was dann?
Die Probleme unserer Zeit sind weder theologisch noch anthropologisch zu erklären und zu lösen, sondern verlangen politische, ökonomische und soziale Antworten. In dieser Woche trat der spanische Ministerpräsident Zapatero auf der arabischen Gipfelkonferenz in Algier auf. Dort sagte er, man dürfe den Terrorismus nicht einer Religion oder einer Kultur anheften. Und er sprach sich  nicht nur für  den Dialog der Kulturen aus, er hat ein Bündnis unserer Kulturen angeregt, mit dem wir nur gemeinsam den Terror bekämpfen können. Das finde ich sehr bemerkenswert.

Das wird die Terroristen kaum beeindrucken.
Bis in die 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts gab es keine muslimischen Selbstmordattentäter. Das heißt, es muss eine Zuspitzung der Konflikte stattgefunden haben – in dem Moment, als die in zwei Blöcke geteilte Welt zerfiel. Und wir müssen nach den Ursachen dafür fragen, warum junge Leute von charismatischen Geistlichen in einer Weise verführt werden können, dass ihnen selbst das eigene Leben nichts mehr Wert ist.
                                                                                                                         ------------------
„Zapatero regt
nicht nur den
Dialog, sondern
ein Bündnis der
Kulturen an.“
-------------------

Wie reagieren Sie, wenn Sie von Terroranschlägen hören?
Ich lehne jeden Krieg und jede Form von Terror ab, insbesondere auch von staatlichem Terror, der sich in so genannten Präventivschlägen äußert. In unserer Zeit der Massenvernichtungswaffen kann es weder gerechte noch ungerechte Kriege geben. Deshalb müssen sie verhindert werden.

Wie?
Nur ein Interessenausgleich kann die Welt befrieden.

Wie kann der konkret erreicht werden?
Zum Beispiel durch die Stärkung der Uno. In den Ländern, die noch über diktatorische Strukturen verfügen, müssen allmählich demokratische Strukturen etabliert und gefördert werden.

Für George Bush war dies einer der Gründe für den Präventivschlag gegen den Irak.
Gegen Saddam Hussein, dessen Regime Amerikaner und Europäer in der Zeit der zwei Blöcke erheblich unterstützt hatten. Das empfinden die Menschen im arabischen Raum als unehrlich. Ebenso, dass amerikanische und teilweise auch europäische Politik im Nahen Osten mit zweierlei Maß messen. Ich finde es fast zynisch, wenn der Außenminister Israels Syrien auffordert, sofort die Uno-Resolution 1559 zu erfüllen und aus dem Libanon abzuziehen, während Israel völkerrechtswidrig die Golanhöhen von Syrien annektiert hält.

Können sich Intellektuelle wie Sie Gehör verschaffen?
Per Satelliten-TV verfolge ich sehr intensiv die Diskussionen in den arabischen Ländern. Es ist nicht so, dass den Hasstiraden der Fundamentalisten nicht widersprochen wird. Der Fundamentalismus ist eine neuzeitliche Erscheinung, die politisch artikuliert ist. In meinen Schriften, aber auch bei Lesungen und Vorträgen versuche ich immer wieder deutlich zu machen, dass es nicht um den Kampf der Kulturen, sondern um den Kampf der Fundamentalismen geht. Nur wenn man das versteht, kann man auch dagegen vorgehen. Und erst dann hat der Dialog der Kulturen eine wirkliche Chance. 

In Deutschland  leben über 3,5 Millionen Muslime – mehr und mehr in eigenen Vierteln und Parallelgesellschaften.
Zunächst mal: Im Prinzip ist es etwas ganz Normales, wenn Einwanderer in fremden Ländern zunächst zu ihren Landsleuten gehen und sich an ihnen orientieren. Sonst gäbe es kein Chinatown in New York und London, wo Besucher dieser Städte zu tauenden hinströmen. In Kanada habe ich eine deutsche Gemeinschaft besucht, wo Bräuche gepflegt werden.

In deutschen Städten mit hohem muslimischem Bevölkerungsanteil scheint Ghettoisierung die Integration zu verhindern.
Jede Fremd-Ghettoisierung bedingt eine Selbst-Ghettoisierung – und umgekehrt. Deshalb kommt es darauf an, keine Ängste zu schüren und sich mit Vorurteilen auseinanderzusetzen. Vorurteile sind etwas Normales im Leben eines Menschen. Wenn diese aber von Politikern aufgegriffen und instrumentalisiert werden, dann wird’s kritisch. Deshalb plädiere ich für eine aktive Anpassung der Einwanderer, aber gegen Versuche einer Zwangsassimilierung.

Warum?
Unsere Welt besteht aus Dualismen. Und aus Vielfalt. Es ist verhängnisvoll, wenn ich nur mich im anderen suche und der andere nur sich in mir – das zerstört jede Kommunikation, jeden Austausch. Nein, wir brauchen Vielfalt, in liebender Kommunikation. Mit ein wenig Wärme, Herzlichkeit und Freundlichkeit im Alltag.

Das klingt ein bisschen nach Gutmenschentum.
Warum auch nicht? Als Lyriker darf man ja ein wenig träumen und wenigstens seinen Träumen gemäß handeln.  Um in der Fremde bestehen zu können, habe ich gelernt, mich einzufühlen in andere. Das gab mir Kraft, Konflikte zu überwinden und mich zu integrieren.

-------------------
„Wir brauchen
     Vielfalt in
  freundlicher
Kommunikation,
mit Herz!“
--------------------

 

Wie aber sollen deutsche Behörden reagieren, wenn in Moscheen in deutschen Städten Hassprediger zum Heiligen Krieg aufrufen, wenn Eltern verhindern, dass Kinder die deutsche Sprache erlernen?
Dass so etwas vorkommt, bestreite ich nicht. Aber ich warne vor den Verallgemeinerungen.  Dies allein darf nicht das Bild von den hier lebenden Muslimen prägen. Stellen Sie sich vor, in der arabischen Welt wäre  das Bild der Europäer durch Märsche von Rechtsradikalen, Fälle von Mord oder Kindesmissbrauch geprägt – Sie würden sich dagegen verwahren, mit Recht.

Zurück zur Frage: Was raten Sie den deutschen Behörden?
Sich fair auseinandersetzen. Und versuchen, die sozialen Ursachen zu beseitigen. Kinder der Einwanderer müssen natürlich Möglichkeiten erhalten, die deutsche Sprache zu erlernen. Zum Beispiel in Kindereinrichtungen. Das bereitet sie auch auf die Schule vor. In den Schulen muss über Konzepte nachgedacht werden. Im Übrigen glaube ich, dass gegen Extremisten, die den muslimischen Glauben vorschützen, dieselben Instrumente angewandt werden sollten wie im Kampf gegen Neonazis. Denn beide bedrohen gleichermaßen die Demokratie.

 

 

Woraus schöpfen Sie Ostern Hoffnung?
Hoffnung ist zunächst nicht unbedingt die Aussicht auf  Erfolg. Hoffnung ist nichts als der Glaube, dass man eine Alternative verfolgt, die einen Sinn hat, unabhängig vom Erfolg oder Misserfolg. Ich gehe jetzt öfter an Schulen, lese dort aus meinen Gedichten. Dieser Tage habe ich mit Schülern in Meißen diskutiert. Die Schüler sind neugierig, stellen Fragen und haben noch nicht diese fest gefügten, zementierten Vorurteile. Das macht schon Mut. Und ich denke historisch. Die europäische Geschichte war über Jahrhunderte von grausamen Kriegen geprägt. Das muss man sich in Erinnerung rufen, dann kann man die Entwicklung der Europäischen Union – bei allen Problemen - nicht hoch genug schätzen. In einem Gedicht habe ich meinen optimistischen Pessimismus einmal so ausgedrückt: „Lass die Welt zugrunde gehen, wenn die Menschheit sie zugrunde gehen lässt. Im Universum aber schwimmen die Planeten. Substanzen fragen nicht. Und wenn das Leben leben soll, wird es eben leben.“

Gespräch: H. Daßler